Mit Biografiearbeit in der Seniorenarbeit neue Akzente setzen

Publiziert am 30.08.2013  von Margarita Hense

Biografiearbeit wird zunehmend nachgefragt, da sie Fragen, nach dem eigenen Gewordensein, der eigenen Lebensgeschichte aufgreift und Anregung vermittelt sich die eigene Biografie (wieder) anzueignen. Neben der therapeutischen Arbeit hat sie ihren festen Platz in unterschiedlichen Anwendungsfeldern.
Von Biografiearbeit wird gesprochen, wenn die eigene Lebensgeschichte reflektiert wird, denn Biografiearbeit heißt in der eigenen Lebensschrift zu lesen, bedeutet Arbeit an der eigenen Lebensgeschichte. Auf der Linie biografischen Arbeitens wird versucht, den eigenen Lebensweg zurück zu verfolgen und neue Wege für die Zukunft zu entwerfen.

Es geht bei der Biografiearbeit zentral um das Verstehen des Zusammenhangs Gestern-Heute-Morgen: Vergangenheit verstehen, sie auf die Gegenwart beziehen und daraus Zukunft gewinnen. Woher komme ich - wer bin ich - wohin kann ich gehen - wohin nicht?

Von Biografiearbeit wird ausgegangen, wenn die Reflexion methodisch organisiert ist.

Die Seniorenarbeit eignet sich neben anderen Anwendungsfeldern als ein Feld für biografisches Arbeiten. Hier kann Biografiearbeit in praktischer Anwendung neue Akzente setzen, Akzente die in der Seniorenarbeit mehr freisetzen als Geselligkeit und Unterhaltung. Insbesondere Erzählcafés als eine Angebotsform der Seniorenarbeit bieten für biografisches Arbeiten einen geeigneten Rahmen. In dieser Angebotsform können den Teilnehmern unter Anleitung Anregungen vermittelt werden, die Erinnerungen aus dem bisherigen Leben hervorrufen und die zu Reflexionen der eigenen Biografie beitragen.

Sprechen über das eigene Leben, mitteilen von Erfahrungen und vergleichen mit den Lebenszeugnissen der anderen Menschen, angehört werden und zuhören hat hier seinen Platz. Die Erinnerungsarbeit kann das Schwere mit dem Gelungenen im Leben in Verbindung bringen und einen neuen Blick auf die Lebensbilanz ermöglichen. Das Erzählen erhält eine besondere Qualität, da es sich zu Alltagsplaudereien und Stammtischgesprächen inhaltlich absetzt. Es können Themen wie Kindheit, Schule, Ehe, Familie, Arbeitswelt, Freizeit, Zeitgeschehen, Feste, Bräuche usw. aufgegriffen werden, die den Teilnehmern eine Zeitreise in die Vergangenheit ermöglichen. Die Erinnerung der eigenen Lebensgeschichte kann hier im Austausch mit anderen zu einem kommunikativen und sozialen Ereignis werden.

Dazu ein Praxisbeispiel: In der Erzählrunde eines Erzählcafé zum Thema Kindheitserinnerungen, erinnern auf Nachfrage zwei ältere Damen ihren Berufswunsch als Kind. Die eine wollte als Kind gern Kindergärtnerin werden, die andere Lehrerin. Der Berufswunsch der beiden konnte jedoch in beiden Fällen nicht verwirklicht werden, da das Schulgeld für die „Höhere Schule“ von den Eltern nicht bezahlt werden konnte. Beide haben nur die Volksschule besuchen können und mussten gleich nach Abschluss ins Arbeitsleben eintreten. Die eine fand Arbeit in einem Wäschegeschäft, die andere in einer Schneiderei. Die Reaktion auf die gegenseitige Mitteilung: „Ach ja, genau wie bei mir, es waren ja auch schlechte Zeiten, so kurz nach dem Krieg.“ „Es war so wenig möglich, besonders für Frauen.“ Ein verständnisvolles Nicken auf beiden Seiten, sie reichen sich die Hände.

Soll Biografiearbeit in der Seniorenarbeit ihr volles Potenzial entfalten, bedarf es jedoch bestimmter Vorbedingungen. Biografiearbeit thematisch gebunden und methodisch organisiert benötigt neben einer Raumsituation mit Atmosphäre eine zeitliche Struktur mit einem eindeutigen Anfang und einem eindeutigen Ende mit Abschlusssignal. Sie benötigt verschiedene Materialien die geeignet sind Erinnerungen zu generieren. Sie benötigt einen kompetenten Gesprächsleiter, der im Rahmen des gesetzten Themas die Erinnerungsarbeit anleitet. Ihm kommt eine besondere Bedeutung zu. Da er wesentlich zum Gelingen des biografischen Arbeitens beiträgt, sind an ihn und seine Rolle konkrete Erwartungen geknüpft, die im Folgenden kurz umschrieben werden:

  • Wünschenswert nimmt der Gesprächsleiter eine interessierte, zugewandte Haltung gegenüber den Teilnehmern ein und hält sich mit eigenen Erfahrungen eher zurück.
  • Er achtet darauf, dass sich möglichst jeder Teilnehmer mit einem Erzählbeitrag einbringen kann, berücksichtigt aber auch die Signale wenn ein Teilnehmer sich nicht einbringen möchte.
  • Als geduldiger Zuhörer wertet er jeden Erzählbeitrag positiv und nimmt die individuellen Assoziationen der Teilnehmer, die über den Einsatz entsprechender Medien/Materialen ausgelöst werden, mit Empathie entgegen.
  • Er signalisiert Aufmerksamkeit, interessierte Zugewandtheit und Einfühlungsvermögen. Er drückt durch sein Verhalten Neugierde an der erzählenden Lebensgeschichte des jeweiligen Teilnehmers aus.
  • Er hütet dem „roten Faden“, den er durch gezielte Interventionen, sollte vom Thema abgewichen werden, wieder aufgreift.
  • Er ist als Gesprächsleiter darauf vorbereitet, dass die Erinnerungsarbeit auch traurige Ereignisse, die stark emotional belastet sind, freisetzen kann. In entsprechenden Situationen interveniert er behutsam.

Eigene Erfahrungen in der Anleitung von Erzählcafés lassen die Aussage zu, dass Biografiearbeit in der Seniorenarbeit neue Akzente setzen kann, die dem Erzählen als zentrales Bedürfnis älterer Menschen eine besondere Qualität verleihen. Von der Geselligkeit und Unterhaltung mit Alltagsplaudereien hin zur Reflexion der eigenen Lebensgeschichte. Von der Seniorenarbeit zur Seniorenbildung.

Literatur:
Gudjons, Herbert; Wagener-Gudjons, Birgit; Pieper, Marianne: Auf meinen Spuren, Übungen zur Biografiearbeit. Klinkhardt 2008
Schmid, Wilhelm: Glück, Insel Verlag 2007

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