Was ist ein Kamishibai?

Publiziert am 15.06.2016  von Redaktionsteam Don Bosco Medien

Funktion und Wirkung

Ein Kamishibai ist ein Erzähltheater. Es besteht aus einem Wechselrahmen mit Flügeltüren, der oben geöffnet ist. Zwischen den Leisten bietet er so viel Platz, dass mehrere Bilder als Stapel hinein gestellt werden können. Die Bilder werden im Rahmen betrachtet und nacheinander wieder heraus gezogen.  Die Aufmerksamkeit der Zuhörer und Zuschauer wird so auf den bildlich dargestellten Kern der gesprochenen Worte gelenkt. „Ein Kamishibai ist wie Fernsehen ohne Strom“, erklärte ein Grundschüler.

Umgekehrt dienen die mit dem Rahmen fokussierten Bilder dem erwachsenen und kindlichen Erzähler als Gedächtnisstützen für die eigenen inneren Bilder. Das Kamishibai verstärkt also sowohl die äußeren als auch die inneren Bilder in ihrer Wirkung. Die Wechselwirkung lässt ein Kino im Kopf entstehen, unterstützt das freie mündliche Erzählen und führt von der vorbereiteten Geschichte zur eigenen Sprache.

Ursprung und Wiederentdeckung

Der Ursprung des kami-shibai (übersetzt: Papier-Theater) liegt in Japan. Dort zogen bereits im 12. Jahrhundert buddhistische Wandermönche durchs Land und verwendeten Bilderrollen, um buddhistische Lehren und Weisheiten im Volk zu verbreiten.

Ab dem Anfang des 20. Jahrhunderts nutzten Süßigkeitenhändler das Kamishibai als Werbemaßnahme für ihre Straßenverkäufe. Sogenannte Kamishibai-Männer fuhren mit Fahrrädern durch die Dörfer. Auf ihrem Gefährt hatten sie einen Holzaufbau mit Rahmen befestigt, in dem sie Papierbilder präsentierten und dazu Geschichten erzählten. Oft waren die Erzählungen als Fortsetzungsgeschichten aufgebaut, so dass die Dorfkinder den nächsten Besuch der Händler gespannt erwarteten.

Bis Anfang der 1950er Jahre war das Kamishibai in Japan ein beliebtes Unterhaltungsmedium. Tausende Kamishibai-Erzähler waren im Land unterwegs, viele Unternehmen stellten die Papierbilder für das Theater her. Als jedoch das Fernsehen aufkam und immer  beliebter wurde, war diese Konkurrenz für das Kamishibai zu groß: Die fahrenden Händler gaben ihre Vorstellungen auf. Viele der Bilderkarten-Zeichner verlegten sich auf das Zeichnen von Mangas, den japanischen Comics.

In den 1970er Jahren brachte die Internationale Kinderbuchmesse in Bologna das Kamishibai wieder ins Gespräch und leitete seine Renaissance in Europa ein. Zudem lernte Anfang der 1980er Jahre eine amerikanische Lehrerin das Theater auf einer US-Militärbasis in Japan kennen und begann, es gemeinsam mit einer Amerikanerin japanischer Abstammung in den Vereinigten Staaten bekannt zu machen.

Zielgruppen und Verwendung

Heute nutzen Pädagogen in vielen Ländern das Kamishibai als Instrument der bildgestützten Erzählkunst. Auch Erzähler, Schauspieler und andere Künstler schätzen das Medium und verwenden es auf vielfältige Weise für ihre Arbeit. Seit einigen Jahren interessieren sich zunehmend auch Menschen aus anderen Berufsgruppen wie Bibliothekare, Religionspädagogen und Menschen, die in der Seniorenbetreuung tätig sind, für das Kamishibai. Und Eltern und Großeltern wecken damit bei ihren Kindern und Enkeln die Freude am Sprechen und die Lust an der Fantasie.

Sonderformen

Seit seiner Wiederentdeckung haben sich aus dem traditionellen japanischen Kamishibai weitere Formen des Erzähltheaters entwickelt. Einige Beispiele:

Das Angebot der amerikanischen Homepage „Kamishibai for Kids“, die unter anderem von der oben genannten Lehrerin betrieben wird, lehnt sich eng an die klassische Nutzung des Kamishibai an. Die Besonderheit: Das Theater ist auch hinten einsehbar. Auf der Rückseite der farbigen Bildkarten sind das verkleinerte Bildmotiv und der (englische) Text der jeweils folgenden Karte abgedruckt, so dass der Erzähler den passenden Teil der Geschichte immer vor sich hat.

Das „KreaShibai multi“ wird als „pädagogische und phantasievolle Weiterentwicklung“ des Kamishibai beschrieben. Es zeichnet sich dadurch aus, dass an den Seiten Halterungen für eine Papierrolle angebracht sind und die Bildgeschichte Stück für Stück abgerollt wird.

Der holländische Theatermacher Jouke Lamers hat das Kamishibai für das Theater und für den Einsatz in der Unterrichtsgestaltung weiterentwickelt. Dafür hat er ein eigenes Bühnenmodell aus Karton erstellt, das aus zwei Teilen besteht und sich relativ einfach nachbauen lässt.

 

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