Gebete und Anregungen zur Entwicklung einer christlichen Spiritualität - für Kinder, Jugendliche und Erwachsene

Was wir von Kain und Abel lernen können

Publiziert am 11.03.2019  von Frank Hartmann

Warum Konkurrenz nicht automatisch "gesund" ist

Unsere Welt ist voll menschengemachter Konkurrenz. Kinder wachsen in diese Welt hinein. Konkurrenz ist in Wirtschaft und Gesellschaft grundsätzlich positiv konnotiert. Manche halten sie für „naturgegeben“, andere für den Motor jeder Entwicklung. Allerdings gibt es schwerwiegende Nebenwirkungen von Konkurrenz. Gewalt als eine der negativsten ist vordergründig unerwünscht – dennoch wendet sie der Starke an, um sich schneller und radikaler durchzusetzen oder der Unterlegene, um „zurückzuschlagen“ und die ihn benachteiligende Ordnung zu schädigen.

Kooperation statt Konkurrenz

Konkurrenz aus ideologischen, machtpolitischen und profitorientierten Motiven begründet Krieg, Mord, Armut, Diskriminierung, Zerstörung und Vertreibung. Im Kleinen führt sie zu Auseinandersetzungen und Verletzungen mit unseren unmittelbaren Nächsten. Hier werden Kinder zu Opfern und zu Tätern. Sie nehmen diese Erfahrungen mit und werden erwachsen. Darum ist die Thematisierung von Konkurrenz mit ihren Folgen und die Frage nach Alternativen wichtige Bildung. Authentische Vorbilder können mit Kindern eigenes und fremdes Konkurrieren reflektieren und nach Vorteilen von Kooperation fragen. Eine auf Miteinander ausgerichtete Ethik, gegenseitiger Respekt, Toleranz in Bezug auf „Anderssein“, Empathie gegenüber Schwächeren gehört ebenso dazu wie die Einsicht, dass nicht jede/r alles tun darf, selbst wenn es ihm/ihr möglich ist. In Zeiten, in denen Rassismus, Sexismus, Populismus u.a. Gesellschaften polarisieren und Konkurrenz fördern, ist Erziehung zu Frieden und Ausgleich, zum Miteinander in der einen Welt eine Aufgabe, die Kinder zukunftsfähig macht. Weltweite Probleme werden nur kooperativ friedlich lösbar sein. Konkurrierend werden Armut und Umweltzerstörung wachsen – und der Unfrieden.
 

Das Beispiel Brudermord geht alle Menschen an

In der Bibel begegnen uns in „Gottes guter Schöpfung“ die Wurzeln des Unfriedens. Zunächst geht es im sogenannten Sündenfall um Konkurrenz zwischen Gott und der „Schöpfungskrone“ Mensch, welche die Schlange geschickt zu nutzen weiß, um Zwietracht zu säen. Die Kinder Adams und Evas, Kain und Abel, begründen die Konkurrenz auf zwischenmenschlicher Ebene. Aus einem beinahe nichtigen Anlass ergreifen Neid, Gier, Geltungssucht und Gewalt Besitz von Herz und Hand – mit schlimmen Folgen.

"Sündenfall und Brudermord ergeben zusammen das Kreuz, unter dem der Mensch bis heute leidet."

Der „Sündenfall“ ist die vertikale, der „Brudermord“ die horizontale „Achse des Bösen“. Zusammen ergeben sie das Kreuz, unter dem der Mensch bis heute weltweit leidet. Einerseits versuchen viele noch immer, sich zum Richter und Herrscher aufzuschwingen, gottgleich zu werden oder „im Namen Gottes“ zu handeln – die besonders Frommen aller Religionen führen solche „Kreuzzüge“ gerne an!  Anderseits nutzen Menschen ihre Macht zur gewaltsamen Durchsetzung sehr weltlicher, individueller Interessen und bringen damit Leid, Qual, Trauer und Tod über ihre Mitmenschen.

"Als Kinder Gottes sind wir alle Geschwister."

Wie so oft geht es auch in der Geschichte von Kain und Abel nicht um einen historischen Bericht, sondern um eine Aussage über den Mensch als Wesen. Die Geschwisterschaft der Brüder ist metaphorisch zu verstehen. Als Kinder Gottes sind wir alle Geschwister – auch, wenn wir nicht in derselben Familie, derselben Stadt, im selben Land oder auf einem Kontinent leben. Die gemeinsam bewohnte Welt und der Glaube an das Geschaffensein durch einen Gott reicht als Begründung für Geschwisterschaft und Kooperation aus. Somit spielen Hautfarbe, Glaube, soziale Stellung, Herkunft usw. keinerlei Rolle bei der Definition von Verwandtschaft. Wenn jede/r von uns ein von Gott geliebtes Wesen ist, trifft das auf unseren schwierigen Nachbar ebenso zu wie auf den weit gereisten Fremden.

"Kain und Abel wollen beide Gott Ehre erweisen – und ihr Ansehen bei Gott mehren."

Kain ist Ackerbauer, Abel Hirte. Die Brüder sind Prototypen der „Urberufe“. Diese bestimmen das Leben der beiden in ganz unterschiedlicher Weise. Der eine bewirtschaftet ein Stück Land und ist sesshaft, der andere zieht mit den eigenen oder ihm anvertrauten Tieren umher und bleibt kurzfristig dort, wo er die günstigsten Bedingungen findet. Im Grunde ist ihre Arbeit, ihr Leben nicht vergleichbar. Beide sind gläubig und beide wollen Gott Ehre erweisen – und ihr Ansehen bei Gott mehren. Aus diesem Vorhaben erwächst ein Konflikt, der in Tod und Schuld endet.
Eigentlich spielt keine Rolle, wo wir den Auslöser zur Gewalttat sehen. Wir können entweder unterstellen, dass Kain lediglich deutet, dass Gott Abel und sein Opfer mehr wertschätzt (und im Umkehrschluss sein eigenes Opfer ablehnt). Oder wir können annehmen, dass Gott – warum auch immer – tatsächlich bewusst und vorsätzlich einen Unterschied zwischen den Brandopfern der Brüder macht. Das mag uns gefallen, solange wir uns zu den Abels der Welt zählen, weil wir gerne die Angesehenen und Besseren sind.  Es mag uns erzürnen, traurig oder ratlos machen, wenn wir uns in Kain wiederfinden. Kain jedenfalls unterliegt im Konkurrenzkampf. Er kann das – trotz der Mahnung Gottes, sich zu beherrschen – nicht ertragen.
 

Unterliegen, Pech haben, missachtet werden – allzu menschliche Erfahrungen

Entscheidend ist der Umgang mit der vermuteten oder tatsächlichen Demütigung. Zorn und Eifersucht, Neid und Rachsucht ergreifen Kain. Er geht mit Abel aufs Feld. Ob vorsätzlich oder aus Versehen, Kain tötet Abel. Eigentlich hätte Kain sich gegen Gott erheben müssen, nicht gegen Abel. Sein Bruder jedoch ist greifbar und schwach.
Verlieren, unterliegen, scheitern, versagen, Pech haben, missachtet und nicht geliebt werden – das sind zutiefst menschliche Erfahrungen, auch bei Kindern. Ob selbst verursacht oder nur „erlitten“ – es ändert nichts. Jemand geht leer aus oder wird zurückgewiesen. Daran selbst nicht schuld zu sein oder Verantwortung für das eigene Missgeschick jemand anderem aufzubürden, erleichtert vielleicht das Los. Rache oder Gewalt bringen sicher nicht, was man eigentlich anstrebte – im Gegenteil: das Leid wächst. Das sehen wir im Fall der Brüder deutlich.

Eine klare Absage an menschliche Selbstjustiz

Von Gott auf die Tat angesprochen, reagiert Kain mit Leugnung, Empörung, Rechtfertigung. Gott lässt sich nicht täuschen und lastet ihm seine Schuld voll an. Kain erkennt die Schwere der ausgesprochenen Strafe und fürchtet, dass Menschen weiter gehen als Gott und ihm das Leben nehmen werden. Daraufhin erhält Kain das Kainsmal. Es ist zugleich Zeichen seiner Schuld und „Warnhinweis“ für alle, die das Gefühl haben, dem Schuldigen gegenüber überlegen zu sein (Konkurrenz!) und sich zum Richter machen wollen. Kain steht auch als Schuldiger unter Gottes Schutz und Gott erteilt menschlicher Selbstjustiz eine klare Absage!
 

Was uns die Geschichte zeigen kann

Was wäre, wenn die ungleichen Brüder die verschiedenen Früchte ihrer Arbeit zusammen ihrem Gott dargebracht hätten? Was wäre, wenn Kain die Größe gehabt hätte, Abel seine Annahme („Gott hat mich weniger lieb als dich!“) und seine Trauer, seine Enttäuschung, seinen Ärger darüber anvertraut hätte? Was, wenn Abel in seinem Glück und seiner Zufriedenheit nicht nur mit sich beschäftigt gewesen wäre, sondern gerade in diesem Moment seinerseits die Größe gehabt hätte, Kain in seiner Niedergeschlagenheit zu sehen? Was, wenn Abel ihn in den Arm genommen und getröstet hätte, wenn er ihm gesagt hätte, was er für ein wertvoller Bruder ist?

"Die Geschichte des Brudermordes könnte uns anregen, statt zu konkurrieren auf Kooperation zu setzen."

Was wäre, wenn in unserer Gesellschaft die Angst vor dem Verlieren im ewigen Konkurrenzkampf um Haben und Sein keine Macht mehr hätte, weil wir auf Kooperation vertrauten und auf nichtmaterielle Werte setzten? Und was, wenn wir weniger darauf schauten, was den Fremden von uns unterscheidet, sondern wo er als Mensch dieselben Sehnsüchte, Wünsche und Nöte hat wie wir? Was, wenn die Gewinner, die – wie die Verlierer – selten allein für ein Ergebnis verantwortlich sind, nicht ihren Triumph feierten, sondern sich als Gewinner verpflichtet fühlten, den Verlierern Hilfe anzubieten? Einfach, weil sie so viel reicher und stärker sind und ihr Glück als Auftrag verstehen?
Die Geschichte des Brudermordes könnte uns all das fragen. Sie könnte uns anregen, nicht wieder und wieder dieselben Fehler zu machen. Sie könnte uns auffordern, statt zu konkurrieren auf Kooperation zu setzen. Wenn „viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Schritte tun“, wenn wir uns trauen, andere zu werden, könnte die Welt eine andere werden!  

Frank Hartmann hat viele der Geschichten, die Religionspädagogen und Erzieherinnen mitunter Kopfzerbrechen bereiten, für die Bibelarbeit mit Kindern aufbereitet: Schwierige Geschichten in der Bibel

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