Ohrmenschen

Publiziert am 21.03.2017  von Tanja Draxler-Zenz

Sinne

Kinder kommen als Ohrmenschen auf die Welt. Bereits im Mutterleib reagieren sie auf Musik und Melodien. Sie nehmen die Vibrationen der mütterlichen Stimme mit dem ganzen Körper wahr und hören den Herzschlag der Mutter. Diese Biografie schreibt sich später in allem weiter, was die Kinder an Klängen, Tönen und Geräuschen hören. Und wir alle schreiben sie mit, ob als Eltern oder als ErzieherInnen.
 
Später erkunden die Kinder ihre Umgebung durch Berühren und Anfassen. Das „Be-greifen“ der Umwelt ist wichtig für die Entwicklung vieler Fähigkeiten und vor allem für die eigene Körperwahrnehmung. Das Spielen mit Klängen knüpft somit eng an ihre täglichen Erfahrungen des
Lebens an. Besonders am Erzeugen von Klängen und Experimentieren mit Tönen haben Kinder große Freude.
Vielfach wird jedoch von den Erwachsenen signalisiert, dass das Anfassen von Gegenständen nicht erwünscht ist. Auch im Bereich der Musik und vor allem dann, wenn es um „echte“ Musikinstrumente geht, wird der Tastsinn häufig „ausgesperrt“.
 

Wir leben in einer reizüberfluteten Welt. Dennoch wachsen viele Kinder mittlerweile in einer sinnesarmen Umgebung auf: Meist werden körpernahe Sinne vernachlässigt.

 
Klänge umgeben uns immer. Das Ohr hört alles; auch wenn wir schlafen, nimmt es die Geräusche um sich wahr. Im Gegensatz zu den Augen können wir die Ohren nicht einfach verschließen, um sie zu schützen. Am Morgen läutet der Wecker, beim Frühstück läuft oft schon das Radio, auf dem Weg in den Kindergarten werden unterschiedlichste Geräusche im Straßenverkehr wahrgenommen.
 

Selbstwirksamkeit

Ein Gegengewicht zu der undifferenzierten Überflutung des Gehörs bildet der produktive und aktive Umgang mit Klängen, Tönen und Geräuschen.
 

Vor allem Kinder experimentieren gerne mit verschiedenen Klängen und nehmen sie ganzheitlich wahr. Im Alltag spüren wir die feinen Sinneswahrnehmungen oft nicht mehr bewusst. Denken wir jedoch an ein vorbeifahrendes Auto mit lauter Musik, dessen Fenster offen sind, so sind die Bässe so kräftig zu hören, dass das ganze Auto bebt. Wir spüren die Vibrationen und Tonschwingungen auch im Körper.

 
Beim unbeschwerten Spiel mit Klängen und Tönen machen Kinder authentische Erfahrungen, mit ihrem ganzen Körper und ihrer gesamten Person. Denn Klänge und Töne lassen sich nicht nur mit den Ohren hören. Auch die Schwingungen können über den Körper gespürt werden. Auch wenn das Erleben der Klänge und Töne im Vordergrund steht, wird doch mit allen Sinnen gelernt. Die Kinder greifen, spüren, tasten, sehen und riechen. Es werden alle Sinne angesprochen. Es werden intensive Erfahrungen gemacht, die aus der Eigentätigkeit heraus entstehen.
 
Damit wird der passiven, notwendigerweise konsumierenden Funktion des Gehörs eine kreative, selbsttätige Ebene entgegengesetzt. Es kommt darauf an, die Ohren wieder zu öffnen für die kleineren, unauffälligeren Dinge des Alltags, die es selbst zu produzieren, zu entdecken und
herauszuhören gilt. Die Kinder erfahren, dass sie nicht der Dauerberieselung ausgeliefert sind, sondern selbst etwas machen und verändern können.

 

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