Kinderbibelgeschichten

Wie läuft Islamunterricht in der Grundschule ab?

Publiziert am 05.09.2023  von Sevim Gül

Der Tag beginnt

Ich hole meine 3. Klassen ab, damit wir gemeinsam in unser Klassenzimmer gehen können. Schon gleich als die Schülerinnen und Schüler meiner ansichtig werden, sehe ich die Freude der Kinder. Sie laufen auf mich zu und wollen mich umarmen. Sofort sprudelt es los:
-    Frau Gül, weißt du, was wir am Bayram gemacht haben?
-    Frau Gül, mein Bruder wurde beschnitten, er hat 200 Euro bekommen.
-    Frau Gül, kommst du auch zum Kermes morgen? ...
Das sind nur wenige der vielen Neuigkeiten, die ich mir schon anhören muss, bevor wir überhaupt in unserem Klassenzimmer sind.

Im Islamzimmer

An der Tür gibt es individuelle Begrüßungsformeln, jedes Kind sucht sich eine aus und wird so von mir begrüßt. Sind alle im Klassenzimmer angekommen, gibt es noch ein „Esselamu Alejkum“, auf das ein „Alejkum Selam“ zurückkommt. Danach natürlich nochmal auf Deutsch, denn der islamische Unterricht findet schließlich auf Deutsch statt:

„Friede sei mit euch!“

„Friede sei mit uns!“

„Friede sei mit dir!“

„Friede sei mit mir!“

Alle Grußformeln werden mit unseren Armen begleitet. Die Kinder sollen den Frieden verinnerlichen und in sich kultivieren.

Der Unterricht und der Lehrplan des Islamunterrichts

Heute wird die Geschichte vom Propheten Yunus (Jona) mittels der Erzählschiene erzählt. Yunus hat keine Kraft und keine Geduld mehr, dem Volk von Niniveh von der Einzigkeit Gottes zu erzählen. Sie wollen ihm einfach nicht glauben. Yunus beschließt eigenmächtig, die Stadt zu verlassen. Nach der Geschichte sammeln wir in einer Mindmap, welche Lehren die Kinder aus dieser Geschichte aufgegriffen haben.

Der Prophet Yunus ist einer der vielen Propheten, die im Lehrplan für den islamischen Unterricht genannt sind. Der Lehrplan enthält zudem das Leben des Propheten Muhammed, den Koran, das religiöse Leben, die Gemeinsamkeiten mit den anderen Weltanschauungen und ganz wichtig: die Verantwortung, die Werte und Tugenden im friedlichen Miteinander. Der islamische Unterricht in Bayern ist ein entkonfessionalisierter Unterricht. Das heißt: An diesem Unterricht können auch Kinder anderer Konfessionen teilnehmen, in ihm wird nicht zum Glauben erzogen, sondern vom Islam berichtet, und ist somit kein Religionsunterricht. Man könnte sagen, es ist ein Ethikunterricht mit dem Fokus Islam.

Vorurteilen abbauen duch interreligiöse Stunden

Die Schülerinnen und Schüler des islamischen Unterrichts haben seit der Kita die christlichen Feiertage mitbekommen. Wenn Weihnachten ansteht, wird viel von Jesus gesprochen, auch im islamischen Unterricht. Dann ist die Verwunderung groß. „Warum sprechen wir über Jesus?“, „Jesus ist blöd!“, „Ich mag Jesus nicht!“ Wenn dann die Kinder erfahren, dass Jesus ein wichtiger Mensch, ja sogar als der vorletzte Prophet im Islam gilt, merken sie, dass ihre Gedanken unrichtig waren. Die Geschichte von Jesus verbindet die Schülerinnen und Schüler mit ihren christlichen Klassenkameraden. Und schon ergibt sich ein Redeanlass. Eine Gemeinsamkeit zu entdecken nähert aneinander an. Die Kinder werden glücklich.

Letztens trafen wir uns in der 4. Klasse mit der evangelischen Klasse. Die Schülerinne und Schüler sollten einander näher kennenlernen, Vorurteile abbauen und ungeniert einander Fragen stellen dürfen. Es war ein Erfolg. Die Kinder sammelten ihre Fragen vorher im Klassenzimmer, dann fand das Treffen in der Aula statt. Es war so eine wunderschöne Atmosphäre. Endlich konnten alle Dinge erfahren, die sie sich vorher nicht trauten zu fragen. Die muslimischen Kinder waren begeistert: Es tat ihnen so gut, auch mal ihre Religion repräsentieren zu können.

Identität stiften: Das ist deine Religion

Manchmal beginnt der islamische Unterricht am Anfang des Schuljahres mit Verwirrung. Es kam auch schon mal vor, dass ein Schüler meinte, er wäre kein Muslim. Aber sein Name und seine Herkunft ließen es nicht bezweifeln. Je mehr er dann im islamischen Unterricht vom Islam erfuhr und sich dann mit den Inhalten identifizierte, merkte er, dass er wohl doch ein Muslim sein musste: Denn alles,was hier erzählt wurde, kam ihm ja doch bekannt vor. Also begann er dann von sich aus, ganz stolz auf seinen Namen zu sein.

Ich bin ich - so wie ich bin

Muslimische Schüler und Schülerinnen fühlen sich im Islamunterricht gesehen. Hier können sie von ihrer Kultur erzählen und Gemeinsamkeiten finden. Sie sehen hier, dass sie nicht alleine sind, sondern entdecken viele andere Kinder, die die gleichen Feste feiern und die gleichen Freuden teilen. Bei Aufführungen genießen sie es, ihre Religion präsentieren und bekannt machen zu können. Sie bekommen das Gefühl, akzeptiert zu werden und erfahren dadurch Anerkennung und Wertschätzung.

 

Sevim Gül ist seit 2016 Lehrerin für den islamischen Unterricht in Bayern und hat ihre Ausbildung an der FAU Erlangen absolviert. Sie unterrichtet an zwei Grundschulen in Teilzeit und hat ca. 130 Schülerinnen und Schüler in 6 Klassen. Auf ihrem instagram-Kanal @iru_sevim gibt sie immer wieder Einblicke in ihren Unterricht.

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