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Was braucht das Kind?

Publiziert am 15.06.2021  von Sybille Schmitz

Ein Beispiel aus der Praxis

Heute ist es soweit. Frau Mansen muss den PERIK für Nils noch fertig ausfüllen, denn das nächste Entwicklungsgespräch steht bald an und außerdem sind ihre Beobachtungen zu seinem Verhalten sonst nicht mehr aktuell genug. Seit Wochen schiebt Sie die Bearbeitung des Beobachtungsbogens nun schon vor sich her. Fünf Zahlen blicken ihr erwartungsvoll und fordernd entgegen. Die Kriterien des Bogens kennt sie gut, da sie diejenige im Klein-Team ist, die sich hauptsächlich um das Führen der Bögen kümmert. Bei Nils hat sie in den allermeisten Kompetenz-Bereichen die Auswahl zwischen dem Zahlenwert  1 und 2. Manchmal gibt sie ihm auch eine drei, damit die Bewertung nicht allzu negativ ausfällt. Wenn sie an das Gespräch mit den Eltern denkt wird ihr ganz mulmig zumute. Wie soll sie Nils´ aktuellen Entwicklungsstand nur schildern, ohne sich und die Eltern völlig zu deprimieren? Und was braucht dieser Junge eigentlich wirklich? Ihre Beobachtungen von Nils´ verschiedenen Verhaltensauffälligkeiten und den wenigen Momenten, in denen er sich angemessen oder unauffällig verhält haben sie und ihre Kolleginnen schon längst intensiviert. Dennoch tappen sie immer noch weitgehend im Dunkeln, wie sie Nils optimal pädagogisch begleiten und stärken können, um ihn endlich in die Gruppe zu integrieren.

Nicht jedes Kind passt ins Schema!

Kennen Sie diese Gedanken und diese Bedenken von Frau Mansen aus Ihrem eigenen Berufsalltag? Haben Sie unter Ihren Schützlingen auch das ein oder andere Kind, das Ihnen besondere Sorgen bereitet? Sitzen Sie auch manchmal vor den Zahlenwerten und fragen sich: „Was soll ich nur ankreuzen?  Werde ich dem Kind durch diese Einschätzung wirklich gerecht?“

Wie sehen die meisten Beobachtungsbögen aus?

Die meisten Beobachtungsbögen, die derzeit in den verschiedenen Bundesländern eingesetzt werden, sind Kompetenzerfassungsbögen. Auf einer Skala von 1 bis 4, 5 oder 6 sollen pädagogische Fachkräfte die Kompetenzen der Kinder in verschiedenen Entwicklungsbereichen einstufen. In vielen Bögen ist auch Platz vorgesehen für genauere Beschreibungen oder Bemerkungen. Die Leitfrage, die diesen Bögen zugrunde liegt ist die Frage: Was kann das Kind? Über welche Kompetenzen verfügt es in welcher Intensität?
Die Intensität wird durch den Zahlenwert festgelegt beziehungsweise eingeschätzt.

Gibt es Alternativen der Bewertung?

In meinem Buch und auch in dem dazugehörigen Fotokartenset möchte ich Ihnen einen anderen Ansatz der Entwicklungsbegleitung und Entwicklungsdokumentation vorstellen und ans Herz legen: den bedürfnisorientierten, integrativen Ansatz.
In der bedürfnisorientierten, integrativen Pädagogik stelle ich diese Frage in den Vordergrund:
Was braucht ein Kind,
•    um sein Potenzial entfalten zu können,
•    um sich in die Gruppe integrieren zu können,
•    um vom Kita-/Krippen-Besuch profitieren zu können?

Den Gesamtkontext im Blick

Die Frage: „Was kann ein Kind? Über welche Kompetenzen verfügt es bereits?“ wird in der bedürfnisorientierten, integrativen Pädagogik eingebettet in den Gesamtzusammenhang zwischen
•    inneren Bedürfnissen des Kindes,
•    äußeren Rahmenbedingungen der verschiedenen Alltagssituationen in Kita und Familie und
•    kindlichen Reifungsprozessen.

Denn Kompetenzen stehen einem Menschen niemals unabhängig von seiner inneren Bedürfnislage oder unabhängig von den äußeren Einflussfaktoren und Rahmenbedingungen zur Verfügung.

Anders gesagt: Das Verhalten eines Kindes sollte nicht aus dem situativen Kontext herausgerissen und isoliert bewertet werden und vor allem sollte jedes Verhalten niemals ohne die Berücksichtigung der Bedürfnisse des Kindes eingeschätzt werden.

Bedürfnisbilanz als Methode

Aus diesem Grund habe ich die Methode der Bedürfnisbilanz als Beobachtungsmethode und als Dokumentationsmethode im Rahmen meiner Berufstätigkeit als Referentin zusammen mit den Teilnehmer*innen meiner Seminare entwickelt.
Die Bedürfnisbilanz ist eine Methode, mit der Sie den aktuellen Entwicklungsstand eines Kindes an seinen Bedürfnissen orientiert übersichtlich darstellen können und aus dieser Perspektive heraus aufzeigen, welche Kompetenzen diesem Kind in welchen Situationen und in welcher Intensität zur Verfügung stehen. Es handelt sich also um eine bedürfnisorientierte Kompetenzerfassung, die ganz ohne Zahlenwerte auskommt.

Bedürfniskatalog anstatt reiner Kompetenzerfassung

Die Methode ist hervorragend geeignet, um Entwicklungsgespräche übersichtlich zu strukturieren und in kleinen, konkreten, gut nachvollziehbaren Schritten die Eltern für die Bedürfnisse des Kindes zu sensibilisieren. Orientierung bei der Erstellung der Bedürfnisbilanz finden Sie in meinem Bedürfniskatalog, der über 200 Begriffe für die verschiedenen Bedürfnisse von Kindern enthält. Die Untergliederung der vielen Bedürfnisse und Facetten von Bedürfnissen in 27 Bedürfnisbereiche erleichtert Ihnen die Arbeit mit dem Bedürfniskatalog.

Hier finden Sie eine Anleitung für Reflexionsfragen:


Hier finden Sie einen Leitfaden zum Entwicklungsgespräch:


 

Der Baum der kindlichen Entwicklung

Das Herzstück der bedürfnisorientierten, integrativen Pädagogik ist der Baum der kindlichen Entwicklung, den Sie nicht nur im Buch finden, sondern auch als Plakat erwerben können.



Der Baum der kindlichen Entwicklung ist als symbolische Kernaussage Ihrer Konzeption gedacht und gibt nicht nur Ihnen auf anschauliche Weise Orientierung, sondern auch den Eltern: Das Plakat des Baumes weist bereits im Eingangsbereich der Einrichtung auf die wichtigsten Aspekte kindlicher Entwicklung und auf die wichtigsten Grundsätze Ihrer pädagogischen Herangehensweise hin.

Ich hoffe, ich konnte Sie neugierig machen und wünsche Ihnen gutes Gelingen bei der Einführung der bedürfnisorientierten, integrativen Pädagogik.

Sybille Schmitz

 

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