Mahl-Zeit! Gemeinsam essen und genießen

Publiziert am 11.01.2017

1. Essen als Ritual
Wie Familien leben, zeigt sich auch daran, wie sie essen. Muss alles schnell, schnell gehen? Oder ist beim Essen Zeit für Gespräche und Genuss? Bedient sich jeder aus dem Kühlschrank, wenn er Hunger hat? Oder essen alle gemeinsam zu bestimmten Zeiten? Die Esskultur von -Familien sagt viel aus über ihre Alltagskultur, ihre Werte, ihr Zusammenleben. Und mehr noch: Sie hat „Einfluss auf verschiedene Bereiche der Entwicklung der Einzelnen und der Gemeinschaft“,  erklärt Barbara Methfessel, pensionierte Professorin am Institut für Gesellschaftswissenschaften der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Es lohnt sich also, die Familienmahlzeit als „Treffpunkt und Kommunikationsanlass“, so Methfessel, zu pflegen. Das Problem: Heute hat oft jedes Familienmitglied seinen durchgetakteten Tagesablauf: Kindergarten, Schule, -Arbeit, Freunde, Hobbys. Wie sollen wir da überhaupt noch gemeinsame Zeiten finden? Eine Lösung kann nur jede Familie für sich selbst finden. Eine Idee: den Termin für den Sonntagsbrunch so wählen, dass möglichst alle dabei sein können. Oder: Versuchen, das Abendessen bewusst als gemeinsamen Familientreffpunkt zu gestalten. So kann das Essen (wieder) zum beliebten Ritual für alle werden!
2. Mahlzeiten als Stimmungsbarometer
Stress und Unmut beim Essen entstehen häufig dadurch, dass Erwartungen enttäuscht werden. Vielleicht hatten sich die Eltern auf ein gemütliches, harmonisches Abendessen gefreut und alles besonders liebevoll vorbereitet – und dann sitzen die Kinder da und zicken sich an.
Besser: Schluss mit den Erwartungen! Die Situation wahrnehmen und sie annehmen, wie sie gerade ist. „Stimmungen unterliegen Schwankungen, und wir fühlen uns nicht immer gleichermaßen mit uns selbst und mit anderen wohl. Einige Mahlzeiten sind von Ausgelassenheit und andere von verstimmtem Schweigen begleitet“, sagt der dänische Familientherapeut und Bestseller-Autor Jesper Juul. „Je mehr wir die Mahlzeiten zu -einem ‚Projekt‘ machen – sei es zu einem ‚Gesundheitsprojekt‘ oder ‚Gemütlichkeitsprojekt‘ –, desto weniger sind wir offen, das Leben innerhalb der Famile wahrzunehmen und zu erkennen, wie es darum in der momentanen Situation bestellt ist.“ Die Mahlzeiten als Stimmungsbarometer – ein gutes Rezept für mehr Entspannung!
3. Geschmack und Gesundheit
„Wir essen nicht, was wir mögen, sondern wir mögen, was wir essen.“ So kennzeichnete der Ernährungspsychologe Volker Pudel die Grundlage des Essenlernens. Gemeinsame Familienmahlzeiten sind daher auch ein Lernort: Die Kinder sollen die Möglichkeit haben, ohne Druck, aber mit viel Neugier und Genuss ihr Spektrum an Speisen und Geschmäckern langsam zu erweitern. Gerade angesichts der „zunehmenden freiwilligen Selbstbeschränkung auf wenige Grundgerichte wie zum Beispiel Pizza, Pasta, Pommes“, erklärt die Ernährungswissenschaftlerin Barbara Methfessel, spiele das Kennenlernen von neuen Speisen eine wichtige Rolle. Auch Themen wie gesunde Ernährung oder die Qualität von Nahrungsmitteln könnten zur Sprache kommen. Allerdings warnt Methfessel davor, bereits Kindern ein allein auf Fitness und Schlankheit ausgerichtetes „kontrolliertes Essverhalten“ vorzuleben. „Kinder sollten nicht einen verbissenen Kampf gegen den Körper, sondern ein fröhliches Leben mit dem Körper erleben und lernen“, sagt sie.
4. Tischmanieren
„Die Ellbogen kommen vom Tisch.“ „ Wir sprechen nicht mit vollem Mund.“ „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt.“ Während Regeln wie diese früher üblicherweise recht streng befolgt wurden, gehen die meisten Familien heute lockerer mit den „Spielregeln“ beim Essen um. Allerdings, erklärt Barbara Methfessel, gelten die traditionellen Tischsitten immer noch, „wenn man sich nicht im Restaurant blamieren oder andere Menschen, denen die sogenannte Etikette wichtig ist, sozusagen vor den Kopf stoßen will“. Die Ernährungswissenschaftlerin empfiehlt, sich mit dem Hintergrund der Regeln auseinanderzusetzen. Dann könne man „souveräner damit umgehen und für den eigenen Familientisch eine als sinnvoll empfundene Auswahl treffen – und dennoch die Kinder auf andere Situationen vorbereiten“. Der Familientherapeut Jesper Juul rät Eltern, sich zunächst selbst zu fragen, was sie erreichen, welche Kultur sie beim Essen entwickeln wollen. Und dann gemeinsam bestimmte Regeln festzulegen. Die im Idealfall nicht um ihrer selbst willen befolgt werden, sondern weil alle sie für sinnvoll halten. Ganz wichtig dabei, so Juul: Mit gutem Beispiel vorangehen!
 
 
5. Konflikte und Probleme
Eins vorweg: Konflikte sind normal. Sie sind Bestandteil des Familienlebens. Diese Erkenntnis ist entlastend. Die Liste der möglichen Konfliktsituationen beim Essen ist lang: Das Kind isst nicht. Das Kind mag kein Gemüse. Das Kind ist wählerisch. Die Kinder streiten sich. Das Kind wird zu dick. Das Kind benimmt sich nicht. Jesper Juul empfiehlt: Schauen, was dahintersteckt! Die Lösung finde sich in der „gemeinsamen Geschichte der Familie“. In den Wünschen, Erfahrungen und Erwartungen der Eltern. In der Persönlichkeit, den Bedürfnissen und Erfahrungen des Kindes. Und in der Art und Weise, wie Eltern versuchen, ihre Ziele zu erreichen, wie sie mit Kindern umgehen und mit ihnen kommunizieren. Vor allem die erzieherischen Floskeln und Sprüche, mit denen viele Eltern ihre Kinder beim Essen bombardieren, hält er für kontraproduktiv. „Sie wirken sich auf das Selbstwertgefühl des Kindes, den Kontakt zwischen Eltern und Kind und die Stimmung am Tisch verheerend aus“, so Juul. Für eine Kultur der „gegenseitigen Achtung“ und der „‚angenehmen‘ Kommunikation“ spricht sich Barbara Methfessel aus. Gemecker über das Essen hat dabei ebenso wenig Platz wie Streit oder andere Themen, die den Beteiligten das Essen verleiden. Auch was das angeht, heißt es also: Weg mit dem Stress!
 
Zitate aus: „Was gibt’s heute? Gemeinsam essen macht Familien stark“ von Jesper Juul (Beltz-Verlag); „Esskultur und familiale Alltagskultur“ von Barbara Methfessel, veröffentlicht im Online-Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (Hrsg.) unter www.familienhandbuch.de
 
 
Tipp: Unser Familienkochbuch
 
Gestalten Sie ein Familien-Kochbuch mit ihren persönlichen Lieblingsrezepten! Wählen Sie gemeinsam die Gerichte aus. Kochen Sie zusammen – eventuell nur ein Erwachsener mit einem Kind, damit‘s nicht stressig wird – und fotografieren Sie dabei die wichtigsten Schritte. Zum Schluss gibt‘s ein Foto von dem leckeren Ergebnis. Die Köche dürfen natürlich mit aufs Bild. Dann Fotos ausdrucken und mit den Texten in ein schönes Notizbuch kleben. Nach Wunsch bemalen und dekorieren. Oder das Ganze digital aufbereiten. Ein tolles Geschenk für Oma, Opa, Patentante, Nachbarin ...!

Christina Tangerding
 
 
 

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